Inklusion als Gesellschaftsfrage



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«Die größte göttliche Offenbarung ist der sich entwickelnde Mensch. Lernt man diesen sich entwickelnden Menschen nicht bloß äußerlich anatomisch-physiologisch kennen, lernt man erkennen, wie in den Körper Seele und Geist hineinschießen, hineinströmen, dann verwandelt sich jede Menschenerkenntnis in Religion, in fromme, scheue Ehrfurcht vor demjenigen, was aus den göttlichen Tiefen in die weltlichen Oberflächen hineinströmt.»

Rudolf Steiner, «Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung»
7. Vortrag, Ilkley, 11. August 1923

Als ich im Jahre 2001 an der Integrativen Waldorfschule Emmendingen zu unterrichten begann und dort eine 1. Klasse übernahm, gab es in der Bildungslandschaft Baden-Württemberg in einzelnen Klassen sogenannte integrative Schulentwicklungsprojekte (ISEP). Das Wort Inklusion war damals noch weitgehend unbekannt. Die Eltern und Lehrer der Emmendinger Waldorfschule engagierten sich voller Enthusiasmus für ihren neuen pädagogischen Impuls. Sie kämpften leidenschaftlich für ihre Sache, denn das Recht auf freie Schulwahl für Eltern eines Kindes mit einer Behinderung gab es damals noch nicht. Die Integrative Waldorfschule Emmendingen musste mehrfach vor dem Verwaltungsgericht gegen die staatlichen Behörden für die Grundrechte kämpfen. Eine gemeinsames Unterrichten von Kindern mit und ohne Behinderung in einer Schule – das wurde von staatlicher Seite vehement abgelehnt. Die Streitpunkte waren fast durchwegs finanzieller Natur – wen wundert es!

Inzwischen hat sich die Meinung der staatlichen Behörden grundlegend geändert. Nicht nur die UN-Behindertenrechtskonvention, auch die verlorenen Rechtsprozesse gegen die Integrative Waldorfschule Emmendingen führten zu einem radikalen Umschwenken der Bildungspolitiker. Jetzt plötzlich wurde mit Nachdruck das verfolgt, was bis dahin bekämpft wurde, die freie Schulwahl.

Mit dem neuen Schulgesetz soll den Eltern von Kindern mit einem festgestellten sonderpädagogischen Förderbedarf die freie Schulwahl erlaubt, und ihren Kindern der Besuch einer Regelschule ermöglicht werden. Es ist ein großer Fortschritt, dass dadurch für alle Kinder mit einer Behinderung die Pflicht zum Besuch einer Sonderschule aufgehoben wird.

Inklusion in den Schulen, wie sie jetzt angestrebt wird, kann aber nur gelingen, wenn Inklusion auch gesamtgesellschaftlich zur Selbstverständlichkeit wird. Solange nicht alle Bahnhöfe barrierefrei umgebaut sind oder die Rollstuhlfahrer nur bis 20 Uhr behindert sein dürfen, weil sie danach beim Umstieg keine Hilfe mehr bekommen, ist es noch ein weiter Weg zur Verwirklichung eines inklusiven Miteinanders in unserer Gesellschaft.

Im Nachfolgenden möchte ich weniger die pädagogischen, sondern vielmehr auf die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Fragen der Inklusion eingehen.