Inklusion oder Sonderschulen?



Stacks Image 3951
«Die größte göttliche Offenbarung ist der sich entwickelnde Mensch. Lernt man diesen sich entwickelnden Menschen nicht bloß äußerlich anatomisch-physiologisch kennen, lernt man erkennen, wie in den Körper Seele und Geist hineinschießen, hineinströmen, dann verwandelt sich jede Menschenerkenntnis in Religion, in fromme, scheue Ehrfurcht vor demjenigen, was aus den göttlichen Tiefen in die weltlichen Oberflächen hineinströmt.»

Rudolf Steiner, «Gegenwärtiges Geistesleben und Erziehung»
7. Vortrag, Ilkley, 11. August 1923

Seit der Verabschiedung der «UN-Behindertenrechtskonvention», vor allem aber während der fünfjährigen Einführungsphase der Inklusion in den Schulen Baden-Württembergs (2010-2015) wurden in allen Medien lebhafte Diskussionen über das Thema Inklusion geführt. Dabei stellten die Autoren immer wieder ähnliche Fragen, anderen Fragen begegnete man dagegen eher selten und teilweise auch gar nie.

Im August 2015 verabschiedete dann der Landtag von Baden-Württemberg ein neues Schulgesetz mit dem Ziel, die Inklusion, also die gemeinsame Beschulung aller Kinder mit oder ohne Behinderung, zu ermöglichen. In diesem Gesetz wurde an 61 Stellen das Wort «Sonderschule» gestrichen und an dessen Stelle durch die komplizierte Bezeichnung «Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren» ersetzt. Mit der Namensänderung alleine ist jedoch noch gar nichts erreicht. Mit dieser Gesetzesänderung strebt das Land Baden-Württemberg ein vollständiges Umdenken an. Allerdings war schon sehr schnell zu erkennen, dass die Umsetzung im Alltag nicht konsequent genug erfolgte. Und wie so oft scheitern die edlen Ziele zuletzt am Geld.

Inklusion früher!

Inklusion ist ja nichts Neues, es gab sie schon zu Zeiten meines Großvaters im Berner Oberland, Inklusion in der Großfamilie, Inklusion im kleinen Bergdorf, allerdings ohne eine gezielte Förderung der Behinderten. Mein behinderter Onkel wuchs in der Großfamilie heran, er lernte und entwickelte sich in ihr und lebte bei meiner Großmutter bis er verstarb. Besondere Fördermaßnahmen für ihn gab es nicht. Eine gezielte Förderung gab es allerdings auch für seine ungefähr zwanzig Geschwister nicht. Die kleine Dorfschule musste für alle genügen, hier wurden alle Kinder des Dorfes unterrichtet, ohne leistungsdefinierte Selektion – Inklusion eben. In diesem Bergdorf war der Dorfschullehrer für alle Kinder da, und er unterrichtete das Notwendigste in jahrgangsübergreifenden Klassen. Das war Inklusion zu Zeiten meiner Großeltern, gemeinsames Miteinbezogensein, gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichem Leben in ihrem kleinen Bergdorf – allerdings ohne gezielte Fördermaßnahmen.

Seit der Zeit meiner Großeltern hat sich viel geändert. In meiner Kindheit gab es bereits das dreigliedrige und leistungsdifferenzierte Schulsystem: Exklusion und Separation statt Inklusion!

Und heute?
Wie sieht es heute gesamtgesellschaftlich mit der Inklusion aus?

Die alten Menschen, sie verbringen in der Regel ihren Lebensabend nicht mehr in der Familie. Sie können abends ihren Enkelkindern keine Märchen mehr vorlesen, denn sie leben meist weit weg in einem Alters- und Pflegeheimen: Exklusion und Separation statt Inklusion!

Und Die Kleinsten? Die ein- bis zweijährige Kleinkinder, sie verbringen immer weniger Zeit in ihrer Familie. Die Eltern sind Doppelverdiener und arbeiten. Die Kinder können nicht mehr viel von Oma und Opa lernen, denn diese sind entweder noch rüstig und dementsprechend beschäftigt oder aber sie leben abgeschieden in ihrem Altersheim. Das Kleinkind lernt immer weniger im Rahmen der Familie. Stattdessen ist "Frühförderung" in der Kinderkrippe angesagt, und danach lernen sie im Kindergarten viele Dinge, die früher in der Großfamilie Selbstverständlichkeiten waren. Sowohl im Altersheim als auch in der Kindergrippe sehen wir Exklusion und Separation statt Inklusion!

Und heute?
Wie stehen wir heute zur Kostenfrage der Inklusion?

Mein behinderter Onkel hat damals weder der Gesellschaft noch seiner Familie größere finanzielle Kosten verursacht. Wollen wir jedoch in der heutigen Zeit Chancengleichheit für alle Menschen mit Behinderungen erreichen und behinderte Menschen ohne Benachteiligung gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben lassen und zudem noch angemessen fördern, so entstehen Kosten, erhebliche Kosten. Solange wir aber Menschen mit einer Behinderung als Kostenverursacher verstehen, wird es schwierig werden, Inklusion gesamtgesellschaftlich umzusetzen.

Inklusion in den Schulen kann nur zur selbstverständlichen Wirklichkeit werden, wenn Inklusion auch in der ganzen Gesellschaft zur Selbstverständlichkeit wird. Hier bedarf es eines grundlegenden Umdenkens. Die leistungsdifferenzierte Gesellschaft muss ganz neue Werte entwickeln, neue Wege einschlagen und auch bereit sein, die entsprechenden Konsequenzen gemeinsam zu tragen.

Auch im Hinblick auf das Thema Inklusion möchte ich auf dieser Internetseite nur auf die wichtigsten Grundlagen sowie auf die Themen und Fragen eingehen, die in den unzähligen Diskussionen und Medienberichten eher selten zur Sprache kommen.