Anthroposophische Heilpädagogik

– Hilfe aus Freiheit für die Würde des Menschen


«Wir haben ja im Grunde genommen gar kein weiteres Recht, über die Normalität oder Abnormalität des kindlichen Seelenlebens oder menschlichen Seelenlebens überhaupt zu reden, als indem wir hinschauen auf dasjenige, was durchschnittsmäßig «normal» ist. Es gibt kein anderes Kriterium als dasjenige, was allgemein üblich ist vor einer Gemeinschaft von Philistern. Und wenn diese Gemeinschaft irgend etwas für vernünftig oder gescheit ansieht, so ist alles dasjenige «abnormes» Seelenleben, was nach Ansicht dieser Philister nicht «normales» Seelenleben ist. Ein anderes Kriterium gibt es zunächst nicht. Daher sind die Urteile so außerordentlich konfus, wenn man anfängt, indem man eine Abnormität konstatieren kann, dann alles Mögliche zu treiben, und damit abzuhelfen glaubt – statt dessen treibt man ein Stück Genialität heraus.»

Rudolf Steiner
«Heilpädagogischer Kurs», GA 317 (1924)

«Geistig behindert» oder «Mensch mit Behinderung»?

Kann der Geist des Menschen, kann das menschliche Individuum überhaupt behindert sein?
Gibt es überhaupt nicht behinderte Mensch?
Wann können wir von Normalität sprechen?

1977 habe ich die anthroposophische Heilpädagogik kennengelernt. Damals begann ich mit meiner Verlobten und jetzigen Frau ein einjähriges Fachpraktikum in der Heilpädagogik in England. Gemeinsam waren wir dort vom allerersten Tag beteiligt an der Begründung und dem Aufbau eines Kleinheims für 12 bis 14 Jugendliche ab 16 Jahren.

Von dem Gründungsehepaar, einem Klassenlehrer und einer Heileurythmistin, lernten wir, dass es einzig und allein auf die Einstellung und die innere Haltung gegenüber diesen behinderten jungen Menschen ankommt. Ob von einem behinderten Menschen, einem Menschen mit einer Behinderung gesprochen wird, ist bei der richtigen inneren Haltung ganz und gar unwichtig.

Im Frühjahr 1978 erlebten wir in Südengland ein Konzert des 21-jährigen Nigel Kennedy, der vom London Philharmonic Orchestra begleitet wurde. Hätte der junge Musiker auf einer ungestimmten oder gar beschädigten Geige spielen müssen, er hätte sein überragendes Talent nicht zum Ausdruck bringen und seine Zuhörer nicht mit seinem virtuosen Geigenspiel verzaubern können.

Der «geistig behinderte Mensch» ist vergleichbar dem talentierten Musiker, der auf einem beschädigten Instrument spielen muss. Nicht der Geiger ist «behindert» sondern sein Instrument.

Die anthroposophiesche Geisteswissenschaft ermöglicht die Begriffsbildung für Vorgänge und Prozesse, die jenseits der physischen Welt geschehen. Sie kennt nicht nur das Leben nach dem Tod, sie beschreibt auch den Weg, den das menschliche Individuum vor einer neuen Geburt beschreitet. Hier umgibt sich der Wesenskern des Menschen mit den Seelenhüllen und ist dadurch auch an der Formung seines physischen Leibes beteiligt. Ein sich inkarnierendes Menschenwesen kann sich, aus welchen Gründen auch immer, auch mit einem «unvollkommenen Leib» verbinden. Dann haben wir die Situation, die vergleichbar ist mit dem Musiker, der sich während seines Lebens mit einem mangelhaften Instrument auseinandersetzen muss.
«Hier in diesem Menschenwesen hast du mit deinem Tun eine Fortsetzung zu leisten für dasjenige, was höhere Wesen vor der Geburt getan haben.»

Rudolf Steiner
«Allgemeine Menschenkunde», GA 293 (1919)

Als Erzieher und Heilpädagoge begleiten wir diese menschliche Individualität, die uns trotz ihrer Behinderung in vielerlei Hinsicht weit überlegen sein kann. Dieses Wissen erzeugt in uns Erziehern die richtige Haltung sowie die notwendige Ehrfurcht gegenüber den uns anvertrauten Menschen.
Was wir zu lernen haben, ist so schwer und doch so einfach und klar:
Es ist normal, verschieden zu sein.

Richard von Weizsäcker
Bonn, 1. Juli 1993