Der Sozialimpuls Rudolf Steiners

– Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit


«Das Heil einer Gesamtheit von zusammenarbeitenden Menschen ist umso größer, je weniger der einzelne die Erträgnisse seiner Leistungen für sich beansprucht, das heißt, je mehr er von diesen Erträgnissen an seine Mitarbeiter abgibt, und je mehr seine eigenen Bedürfnisse nicht aus seinen Leistungen, sondern aus den Leistungen der anderen befriedigt werden.»

Rudolf Steiner
«Das soziale Hauptgesetz«
aus »Lucifer-Gnosis, Grundlegende Aufsätze zur Anthroposophie»

Rudolf Steiner schrieb schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts in verschiedenen Aufsätzen wichtige Gedanken zur sozialen Frage nieder, so auch das sogenannte «soziale Hauptgesetz». (s. Zitat oben)

Als Antwort auf die Wirren des 1. Weltkrieges beschrieb dann Rudolf Steiner in zahlreichen Aufsätzen sowie in seinem Buch «Die Kernpunkte der sozialen Frage» die «Dreigliederung des sozialen Organismus».

Diese «Soziale Dreigliederung» ist kein politisches Programm. Rudolf Steiner gab in seinen Schriften keine fertigen Rezepte für das politische Handeln. Vielmehr zeigte er auf, nach welchen Gesetzmäßigkeiten das soziale Leben funktioniert, unabhängig davon, ob es sich um mikro-, meso- oder makrosoziale Strukturen handelt. Der soziale Organismus wird im Sinne dieser Dreigliederung, wie auch der dreigliedrige menschliche Organismus, aus dem lebendigen Zusammenwirken von drei selbstständigen Gliedern gebildet, nämlich dem Wirtschafts-, dem Rechts- und dem Geistesleben.

Erkennen wir diese Gesetzmäßigkeiten, so können wir aus dieser Erkenntnis heraus geeignete Antworten finden, wie das soziale Leben zwischen Menschen sinnvoll gestaltet werden kann, ohne dass die diesen drei zusammenwirkenden Bereichen zugrundeliegenden Bedingungen übersehen werden.

Die «Dreigliederung des sozialen Organismus» war Rudolf Steiners Antwort auf die Frage, wie der vorherrschende Nationalismus überwunden werden könnte. Während der amerikanische Präsident Woodrow Wilson als Antwort auf diese schreckliche Zeit des Ersten Weltkrieges eine Selbstbestimmung der Nationen forderte, beschrieb Rudolf Steiner ganz andere Lösungswege.
Die Gestaltung der Verhältnisse «wird nur dann in gesunder Weise erfolgen, wenn das Nationale aus der Freiheit und nicht die Freiheit aus dem Nationalen entbunden wird. Strebt man statt des letzteren das erstere an, so stellt man sich auf den Boden des weltgeschichtlichen Werdens. Will man das letztere, so wirkt man diesem Werden entgegen und legt den Grund zu neuen Konflikten.»

Rudolf Steiner, Memorandum Juli 1917

«Der Staat überläßt es den völkermäßigen Korporationen, ihre Gerichte, ihre Schulen, ihre Kirchen zu errichten, und er überläßt es dem einzelnen, sich seine Schule, seine Kirche, seinen Richter zu bestimmen. Natürlich nicht etwa von Fall zu Fall, sondern auf eine gewisse Zeit. (...) Alle juristischen, pädagogischen und geistigen Angelegenheiten werden in die Freiheit der Person gegeben. Auf diesem Gebiet hat der Staat nur das Polizeirecht, nicht die Initiative.»

Rudolf Steiner, GA 24

Für Steiner war also die Selbstbestimmung des Individuums die richtige Antwort für einen Weg in eine friedliche Zukunft. Hinter der plausiblen Idee Wilsons sah Steiner die Gefahr lauern, dass der vorherrschende Nationalismus und Rassismus noch stärker aufflammen könnte. Das 1917 an die deutsche und die österreichische Regierung gerichtete Memorandum hätte eine Alternative zum 14-Punkte-Programm von Woodrow Wilson werden können, doch das Memorandum erreichte Kaiser Karl zu spät, so dass Steiners Ideen zur Sozialen Dreigliederung ungehört verhallten.

Im Februar 1919 versuchte Rudolf Steiner nochmals mit einem Aufruf «An das deutsche Volk und an die Kulturwelt» ein soziale Erneuerung zu initiieren. Dieser Aufruf wurde von über 300 namhaften Persönlichkeiten unterschrieben so u.a. von Wilhelm Lehmbruck, Hermann Hesse, Jakob Wassermann, Friedrich Rittelmeyer und Paul Natorp. Aber wie schon beim Memorandum im Jahre 1917 bleibt auch hier der gewünschte Erfolg aus.

Rudolf Steiner konzentrierte sich danach zunehmend auf die Erneuerung einzelner Kulturgebiete. Die Gründung der ersten Waldorfschule in Stuttgart kann und muss als einen solche Antwort auf das Ringen um eine neue Sozialgestaltung verstanden werden.

Obwohl sich die Idee der «Dreigliederung des sozialen Organismus» nach dem Ersten Weltkrieg nicht durchsetzen konnte, bleib tsie bis heute als Leitbild einer zukunftsfähigen Gesellschaftsordnung aktuell, weil es sich um kein Programm, sondern um ein exakte Beschreibung des sozialen Organismus handelt.
«Die Menschheit strebt im Anfange der Kulturzustände nach Entstehung sozialer Verbände; dem Interesse dieser Verbände wird zunächst das Interesse des Individuums geopfert; die weitere Entwicklung führt zur Befreiung des Individuums von dem Interesse der Verbände und zur freien Entfaltung der Bedürfnisse und Kräfte des Einzelnen.»

Rudolf Steiner
«Soziologisches Grundgesetz« 1898
aus «Gesammelte Aufsätze zur Kultur-und Zeitgeschichte»